Schmiergeld für Wärter und verschwundene Generalschlüssel: Was ist los in der JVA Euskirchen?
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In der Justizvollzugsanstalt Euskirchen in Nordrhein-Westfalen läuft seit Monaten ein schwerer Korruptionsskandal. Acht Justizvollzugsbeamte sollen Häftlingen sogenannte Schmiergeld-Abonnements verschafft haben. Unter den Begünstigten sollen auch Mitglieder des berüchtigten Leverkusener Goman-Clans gewesen sein. Jetzt wurde bekannt: Auch zwei elektronische Generalschlüssel der JVA sind spurlos verschwunden.
Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) enthüllte den Vorfall am Dienstag im vertraulichen Teil des Rechtsausschusses des NRW‑Landtags. Zwei elektronische Generalschlüssel der JVA Euskirchen wurden manipuliert. Unbekannte Täter hatten das Original-Innenleben der Transponder ausgetauscht. Die echten Generalschlüssel, die uneingeschränkten Zugang zu fast allen sensiblen Bereichen der JVA ermöglichen, sind seitdem spurlos verschwunden. Die Information über den Vorfall blieb zunächst unter Verschluss.

Justizminister Benjamin Limbach von den Grünen im Interview zu den Vorgängen in der Justizvollzugsanstalt Euskirchen
Systematische Korruption über Monate
Besonders brisant ist der Zusammenhang mit dem laufenden Korruptionsskandal. Acht Justizvollzugsbeamte stehen unter Verdacht, Häftlingen gegen Geld illegale Hafterleichterungen gewährt zu haben. Dazu gehörten Freigänge, Hafturlaube mit gefälschten Begründungen, Warnungen vor anstehenden Zellendurchsuchungen und sogar das „Ausbuchen“ von Gefangenen (in der Akte als anwesend geführt, obwohl sie draußen waren). Akten wurden in großem Maßstab manipuliert. Gegen die Beamten wird wegen Bestechlichkeit ermittelt.
Gleichzeitig ermittelt die Staatsanwaltschaft Bonn auch gegen drei ehemalige Häftlinge wegen Bestechung. Bei diesen handelt es sich um Mitglieder des berüchtigten Leverkusener Goman-Clans. Diese Clan-Mitglieder sollen über ein „Schmiergeld-Abo“ monatlich für illegale Hafterleichterungen gezahlt haben. Mit Generalschlüsseln in der Hand hätten sie nicht nur selbst frei ein- und ausgehen können. Sie hätten theoretisch auch andere Gefangene befreien oder sensible Bereiche der Anstalt unkontrolliert betreten können.
Die Goman-Familie ist berühmt-berüchtigt
Einer der beschuldigten Häftlinge ist nach NIUS-Informationen Michael Goman, auch genannt „Don Mikel“. Er wurde zu acht Jahren Haft wegen Betrugs verurteilt und soll nun zu denjenigen gehören, die die Wärter in Euskirchen bestochen haben, um für sich und andere Clan-Mitglieder Sonderbehandlungen zu erkaufen. Er gilt als eine der einflussreichsten Figuren der nordrhein-westfälischen Unterwelt.
Der Goman-Clan ist eine große, seit Jahrzehnten polizeibekannte, Roma-Großfamilie mit Wurzeln in Polen, die primär in Leverkusen aktiv ist. Die Familie ist bundesweit für organisierten Betrug bekannt – darunter Enkeltrick-Betrug, Sozialleistungsbetrug in Millionenhöhe und Immobilienbetrug. Die Familie hat mehrere Hundert Angehörige in Nordrhein-Westfalen und gilt als einer der bekanntesten kriminellen Clans in Deutschland.

Vermummte Polizisten bei der Durchsuchung der Villa des Goman-Clans im Jahr 2021.
Auch andere Gefängnisse in NRW betroffen?
Im Landtag sprach Minister Limbach von „einem Sicherheitsvorfall von einer Schwere, dass wir nicht alleine Euskirchen prüfen werden“ und ordnete eine Sonderprüfung aller 36 Justizvollzugsanstalten in NRW an: „Dabei bleiben wir nicht bei der JVA Euskirchen stehen, sondern nehmen landesweit mögliche Risiken in den Blick. Die Vorwürfe machen fassungslos. Sie rütteln am Fundament unseres Rechtsstaates“, sagte Limbach betroffen.
Noch immer ist unklar, seit wann genau die beiden Generalschlüssel verschwunden sind, wer Zugang zu den Transpondern hatte und ob es bereits unbefugte Zutritte oder gar Fluchtversuche gegeben hat. Das Justizministerium von Nordrhein-Westfalen ließ eine NIUS-Anfrage unbeantwortet. Die Ermittlungen laufen laut Polizei derzeit auf Hochtouren und stehen erst am Anfang. Es bahnt sich einer der größten Justizskandale der letzten Jahre an.
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