Das WM-Aus und der Kanzler: Was die Posts von Friedrich Merz über Deutschland verraten
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Das muss man erstmal hinkriegen! Ein Tag ganz ohne öffentliche Kanzler-Termine, und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) schafft es mit völlig deplatzierten Posts auf X, die geschlagene Fußball-Nation Deutschland gegen sich aufzubringen.
Nach dem schmachvollen Ausscheiden im 16tel-Finale (das Wort „Finale“ ist in Verbindung mit einem Sechzehntel für sich genommen schon ein Witz!) verstieg sich Merz auf X zu der Behauptung: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“
Ein Befund, der falscher nicht hätte sein können und womöglich für ein späteres Ausscheiden vom Social-Media-Team schon in der Schublade lag. Schreibt irgendwas Nettes, könnten die Kanzler-Leute den diensthabenden Twitter-Leuten zugerufen haben, die ganz offensichtlich von Fußball keine Ahnung und das Spiel nicht gesehen haben.

„Ich bin nicht stolz. Ich bin sauer.“
Sollten einige Strategen in der Bundesregierung gehofft haben, im freundlichen Stimmungs-Windschatten der WM in den politischen Reform-Sommer surfen zu können, so platzte in der Nacht zu Dienstag auch dieser Traum. Bild-Chefredakteurin Marion Horn zeigte sich fassungslos über den hingerotzten Fußball-Post des Regierungschefs, und machte ihrem Ärger Luft: „Kanzler, das stimmt einfach nicht!!! Zweitklassigkeit akzeptiere ich nicht. Ich bin nicht stolz. Ich bin sauer. Ich bin enttäuscht. Ich bin wütend! Unsere Kinder kennen Deutschland nur noch als Verlierer!“

Die BILD am 30.06.2026
Auch bei NIUS LIVE fiel die Bilanz des Spiels eher vernichtend aus, und so merkten die Kommunikationsfüchse im Kanzleramt im Laufe des Dienstagvormittags, dass die Sache zu entgleiten drohte, und legten nach. Mit einer weiteren Peinlichkeit: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark. Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott.“ In Wahrheit stand da draußen im Land kein Mensch zusammen hinter dem planlosen Trainer und seinem Familienausflug. Wer um alles in der Welt hat der Social-Media-Abteilung des Kanzleramts, diese eigenwillige Nibelungen-Lyrik eingeblasen? Diese Mischung aus nationalem Adler-Pathos und Friedrich Nietzsche: „Was uns nicht umbringt, macht uns härter“? Eine blechern schmetternde Schicksalsgemeinschaft mit zerkratzten Bildern der Ufa-Wochenschau als Korrektur für die fröhlichen Untergangs-Schalmeien des ersten Tweets?
Fußball und zwei verunglückte Posts, könnte man meinen, wenn man sich in einem wirtschaftlich und politisch kerngesunden Wohlstandland befände, wo sportliche Patzer die schönste Nebensache der Welt und nicht auffällige Menetekel des Niedergangs sind. „Wir sind höchstens noch zweitklassig: Unsere Wirtschaft erlebt eine in jeder Hinsicht beispiellose Abwärtsspirale, täglich Pleiten, Deindustrialisierung“, schreibt Bild-Chefin Horn.
Was dann kommt, ist mehr als nur die Wiedergabe der allgemeinen Netz-Wut über den weltfremden und mit den Deutschen fremdelnden Kanzler. Es ist eine bemerkenswerte Generalabrechnung: „Friedrich Merz lebt, wie Julian Nagelsmann, der noch nicht mal den Anstand hat, jetzt zurückzutreten, offenbar in einer Parallelwelt. Beide sind unfähig, ihre Fehler zu sehen und Verantwortung zu übernehmen. Kritiker sind nur Nörgler, die die ‚Erfolge‘ nicht sehen wollen.“
Nagelsmann und Merz: Beide müssen weg!
Die Parallele der beiden Männer aufzumachen, hat eine klare Botschaft. Beide müssen weg! Im Kanzleramt wird man den Kommentar aufmerksam gelesen haben. Seit dem missglückten Koalitionstreffen Mitte April in der Villa Borsig, liegt Friedrich Merz persönlich mit dem Hause Springer im Clinch, und wittert geradezu mediale Putschpläne seitens der Verlags- und Redaktionsspitzen. Als Bild dann auch noch die NIUS-Schlagzeile vom „Kanzlertausch“ auf die Seite 1 hob, geriet der Kanzler erneut außer sich. Ein Krisentreffen mit Springer-Chef Mathias Döpfer verlief frostig.
Merz nimmt persönlich, und er nimmt übel. Die achtlos hingeworfenen X-Nachrichten rühren in Wahrheit an den eigentlichen Kern der aktuellen Krise in Deutschland: die Unfähigkeit, Stimmungen und Menschen zu verstehen. Der Irrglaube, die deutsche Öffentlichkeit da draußen müsse doch verstehen, dass mehr als das Machbare innerhalb der Krampf-Koalition mit der SPD nicht möglich sei.
Muss sie nicht.
Die Mehrheit der Leute sieht ein schlechtes Spiel und ist sauer auf Trainer und Mannschaft. Eine Mehrheit der Leute artikuliert ihren Unmut in Umfragen zugunsten der AfD und kann Sprüche von einer „demokratischen Mitte“ nicht mehr hören, die einfach nicht liefert. Die Mehrheit in Deutschland sieht, was gerade die Union nicht wahrhaben will: dass sich etwas verschiebt im Land, dass BSW und AfD auf Tuchfühlung gehen, weil es so nicht weitergehen kann.
Das Land mit „dem Adler auf der Brust“, von dem Merz im zweiten Tweet schreibt, das Land, das nach Rückschlägen zusammensteht, dieses Land versinkt in diesen Tagen zwischen dem Trauma der Corona-Tage, den Folgen ungeregelter Massenmigration und inflationären Regenbogenfahnen, die mit der Mehrheit nichts mehr zu tun haben.
Zwei achtlose Posts am letzten Dienstag im Juni, die Deutschlands zerrüttete Seelenlage offenlegen und einen ratlosen Kanzler.
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Ralf Schuler
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