Wie „Top Gun“ mit dem Antikriegsfilm aufräumte
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Als „Top Gun“, versehen mit dem heute unnötigen Titelzusatz „Sie fürchten weder Tod noch Teufel“, vor 40 Jahren in die Kinos kam, landete das Kampfpilotendrama von Tony Scott in einem gesellschaftlichen Minenfeld, das ironischerweise aus Antikriegsfilmen und ihren Anhängern bestand. Denn seit „Patton“ im Jahre 1970 hatte sich eigentlich niemand in Hollywood mehr die Hände an einem wirklichen Kriegsfilm schmutzig gemacht – also einem Film, der Soldaten und Piloten in einem heroisch anmutenden Licht zeichnet und die Schrecken des Krieges eher ausblendet.

Demnächst in Ihrem Kino: „Top Gun“ feiert 40-jähriges Jubiläum.
Ja, es gab „Rambo II“, dessen erster Teil allerdings auch ein Antikriegsfilm war, und zahlreiche weitere Abarbeitungen des Vietnamkrieges – von denen die besten, Ciminos „Die durch die Hölle gehen“, Coppolas „Apocalypse Now“ und Roland Joffés „The Killing Fields“, sich darauf beschränkten, Soldaten entweder als Psychopathen oder als Bauernopfer in den Diensten der Mächtigen darzustellen.
Einzig und allein, wenn es gegen die Nazis ging, war Heroismus noch erlaubt – aber das war schon damals eher ein Freifahrtschein für so gut wie jede Gewalt. Wobei wir heute das Wörtchen „eher“ schon wieder in die Schublade der Vergangenheit stecken können.
In der Feuerpause dürfen Soldaten und Flugzeuge glänzen
Wie auch immer: Scotts Film umging diese durchaus legitime Angst und Abscheu vor dem Krieg und den Menschen, die in ihm kämpfen, äußerst elegant. Es ging nämlich um Kampfpiloten im Training – so dass Nörgler nun anmerken könnten, es sei daher doch eher ein Militärfilm. Was aber auch nichts weiter ist als ein Kriegsfilm während einer Feuerpause, möge sie auch schon zehn Jahre gehalten haben.

Mit echter Navy-Unterstützung gedreht: „Top Gun“ sah nicht teuer aus, weil es trickreich war – sondern weil Flugzeugträger, Jets und Uniformen tatsächlich Milliarden wert waren.
Scott, der wie sein Bruder Ridley seine Karriere als Macher von teuren Werbespots in England begonnen hatte, griff auch gleich in die Vollen und lieferte Militär auf Hochglanz ab. Dies begann schon bei den Darstellern, da der Film Tom Cruise und Val Kilmer zu Superstars machte, Kelly McGillis eine kurze Karriere erst ermöglichte und sogar mit einem sehr jungen Tim Robbins und einer unbekannten Meg Ryan aufwarten konnte.
Der Soundtrack? Songs wie Kenny Loggins‘ „Danger Zone“ und „Playing With the Boys“, Berlins „Take My Breath Away“, Cheap Tricks „Playing With the Boys“ laufen heute noch das Radio rauf und runter, während Harold Faltermeyers „Top Gun Anthem“ (döö-dö-dö-döö-dö-dö-dö-dö-dö) wohl das erkennbarste Filmthema sein dürfte, das nicht in einer sehr fernen, fernen Galaxie ertönt.
Nette Hilfeleistung vom Pentagon
Aber das wirklich Atemberaubende an „Top Gun“ waren die Flugszenen, da Scott nicht auf Spezialeffekte angewiesen war. Warum auch? Er hatte nämlich das Pentagon in seiner Tasche, das – nach sorgfältiger Lektüre des Drehbuchs und ein paar Änderungen – zustimmte, zu kooperieren. Der Film kostete zwar nur geschätzte 10 bis 13 Millionen US‑Dollar – die Drehorte (Flugzeugträger, US-Basen) und Vehikel (F-14-Flugzeuge) allerdings einige Milliarden. Viele der Statisten waren unbezahlt bzw. schon bezahlt, allerdings vom Steuerzahler durch ein frühes Modell der staatlichen Filmförderung, wenn man es genau nimmt. Okay, das produzierende Studio Paramount musste für den Sprit der Flieger bezahlen – aber das war vor 40 Jahren fast noch erschwinglich.

„Top Gun“ machte Tom Cruise endgültig zum Superstar – und verwandelte den Kampfpilotenhelm in ein Popkultur-Accessoire der 80er Jahre.
Besser noch: Man bekam die Erlaubnis, den echten Abschuss von Raketen zu filmen (auf wen ist nicht bekannt, aber es liegen keine Beschwerden vor, vielleicht trafen sie ja), und als Scott mal eine Szene fertigdrehen wollte und dummerweise der Flugzeugträger laut Plan seinen Kurs ändern musste, reichte eine Anfrage und der Kurs des Seeriesen (eigentlich eine schwimmende Stadt) wurde wieder geändert.
Auch das Drehbuch traf den Zeitgeist wie eine Tomahawk-Rakete
Man sollte aber auch das Drehbuch nicht außer Acht lassen. Basierend auf einem Artikel von Ehud Yonay im „California Magazine“ machten sich die Drehbuchautoren Jim Cash und Jack Epps Jr. daran, eine für die 80er typische Story-Struktur aufzubauen. Was nicht negativ gemeint ist, denn die Konkurrenz der angehenden Kampfpiloten, gepaart mit dem tragischen Tod eines guten Kameraden und einem erst bösartigen, aber dann doch loyalen Widersacher, war nicht nur verständlich, sondern auch emotional gut erlebbar. Dazu noch die Romanze zwischen Cruise und McGillis, einer sehr starken, aber nicht minder attraktiven Frau, von der hauptsächlich die gemeinsame Fahrt auf einem PS-starken Motorrad in Erinnerung bleibt – und man muss nun wirklich nicht Freud sein, um zu wissen, was das bedeuten sollte.

Tom Cruise und Kelly McGillis: Die Romanze zwischen Pilot und Ausbilderin gehörte zum Erfolgsrezept – auch wenn vor allem Motorrad, Blick und Soundtrack in Erinnerung blieben.
Es funktionierte. Für ganze sechs Monate lief der Film in den US-Kinos, ohne dass die Anzahl der bespielten Leinwände nach unten ging. Er spielte weltweit mehr als das Zwanzigfache seines Budgets ein – und wurde zu einem großen Baustein unserer Popkultur. Der Soundtrack bekam neunmal Platin.
Und das Pentagon konnte sich auch nicht beschweren, weil das Interesse an einer Karriere in der amerikanischen Luftwaffe enorm nach oben schnellte. Nicht zu 500 Prozent, wie gelegentlich behauptet wird, aber verifizierbar sind 8 Prozent. Was auch daran gelegen haben mag, dass die US‑Navy in einigen Kinos Informationsstände aufbaute.

Tom Cruise als Maverick: ein Mann, ein Jet, ein Ego – und plötzlich sah die US-Navy aus wie ein Musikvideo mit Fluglizenz.
Vielleicht mal eine Idee für Herrn Pistorius? Aber dann müsste er den passenden Film finden. „Das Boot“? „Im Westen nichts Neues“? Wird schwierig, da sind 5000 Helme leichter aufzutreiben.
Aber da waren ja noch die Kritiker – und die Deutschen
Generell traf der Film aber eher auf milde Verrisse, da man ihm ankreidete, die Distanz zu den Grauen des Krieges vermissen zu lassen. Die Gegner wurden zwar nicht genannt, aber wir können sicher davon ausgehen, dass Russland gemeint war. Nicht nur, weil sie die (fiktive) MIG-28 flogen, denn MIGs waren Standard bei jedem nicht westlichen Land, sondern weil die Sowjetunion damals das anerkannte Feindbild war – genau wie China im zweiten Teil „Top Gun: Maverick“, der 2022 in unsere Kinos kam.
In Westdeutschland, dem Land von „Ami, Go Home“, einer Friedensbewegung und den erst vor fünf Jahren gegründeten Grünen, war die Rezeption eine andere. Der Film bekam das Prädikat „ab 16“, was komisch anmutet, da nur drei Flieger der Gegenseite abgeschossen werden und man von Kelly McGillis deutlich weniger sieht, als es sich spätpubertierende Jugendliche damals gewünscht hätten.
Aber all diese Hürden änderten nichts daran, dass selbst die männlichen Kiddies, die tagsüber gegen den Krieg protestierten, nachher ins Kino gingen und „Top Gun“ anschauten. Junge Frauen auch, aber das mag an Tom Cruise gelegen haben. Vielleicht aber auch an Kelly McGillis, die ein starkes Frauenbild darstellte, das in den 80ern keine Selbstverständlichkeit war. Der Film war, selbst in Westdeutschland, ein veritabler Hit.

Der Kalte Krieg im Hochglanzformat: Gegner namenlos, Jets real, Wirkung gewaltig – Hollywood und Pentagon fanden hier ihren gemeinsamen Nenner.
Und wie gut war der Film nun?
Das ist fast eine unnötige Frage, so als sollte man beantworten, was man von der Schwerkraft hält. Fanatische Cineasten mögen ihn als US- oder Kriegspropaganda abtun. Aber selbst wenn das der Subtext gewesen wäre (was er nicht war): Es war ein großartiger Film.
Und ein Teil der Kindheit vieler junger Männer. Das Mainstream-Kino hat einen großen Teil von dem verloren, was es in den 80ern ausmachte. Es gäbe heutzutage weder „Flashdance“ noch „Beverly Hills Cop“. Nur „Top Gun: Maverick“ konnte uns 2022 in diese Zeit zurücktragen.
Wer Realität sehen will, sollte nicht ins Kino gehen. Sondern sich zwei Stunden an eine Straßenecke stellen, was ungefähr 12 Euro spart. Oder einen das Leben, die Brieftasche oder das Handy kosten kann – das hängt von der Straßenecke ab.
„Top Gun“ war der Wunschtraum vieler junger Männer, die in einem Krieg lieber im Cockpit sitzen würden, als in einem Bunker zu kauern. Und deswegen der beste Anti-Anti-Kriegsfilm, der jemals gemacht wurde.
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Karsten Kastelan
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