DEKRA bestätigt Brummton: Wird Baiereck zum Präzedenzfall für den Anwohnerschutz an Windparks?
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Was die Bewohner von Baiereck anderthalb Jahre spüren konnten, ist nun offiziell bestätigt: Ein DEKRA-Gutachten bescheinigt den zwei umstrittenen Windkraftanlagen oberhalb des Nassachtals einen unzulässigen Brummton. Für viele Anwohner, die über Schlaflosigkeit, gesundheitliche Beschwerden und ein Leben im Dauerstress klagen, ist das eine kleine Sensation. Denn erstmals liegt ein amtlicher Nachweis vor, der ihre Erfahrungen bestätigt – und der weit über den kleinen Ort hinaus Bedeutung erlangen könnte.
„Das Gutachten ist ein Rettungsanker. Weil es das, was wir wahrnehmen, in Fakten auf den Tisch bringt“, sagt Jochen Hofele. Er ist Bewohner von Baiereck und hat gemeinsam mit anderen Anwohnern lange dafür gekämpft, einen Beweis in der Hand zu halten, was für ihn und viele andere Bewohner Alltag geworden ist: ständiger Lärm, der vielen auf die Nerven geht.
Sehen Sie hier im Video, was die Anwohner zu sagen haben:
Ein Gutachten des Prüfinstituts DEKRA hat bestätigt, was viele Anwohner seit der Inbetriebnahme zweier Windkraftanlagen kurz vor Weihnachten 2024 beklagen: Die Anlagen erzeugen einen unzulässigen Brummton. Für die Bewohner des kleinen Ortes im Nassachtal ist das mehr als eine technische Feststellung, es ist die schriftliche Bestätigung eines Problems, die ihr Leben verändert hat. „Gott sei Dank. Jetzt haben wir etwas Schwarz auf Weiß. Das belegt einfach das, was wir seit Monaten sagen“, sagt auch Bewohnerin Adrienne Grossmann.
In der Mitteilung der Stadt Uhingen heißt es: „Unter Berücksichtigung eines Tonzuschlages ergab sich ein Beurteilungspegel von ≤ 45 dB(A), der bei Berücksichtigung von weiteren Zuschlägen einen Pegelwert bis zu ≤ 50 dB(A) annehmen kann. (...) Die Immissionsmessungen in Baiereck zeigen deutlich höhere Messergebnisse als in der TÜV-Prognose, die dem Bauantrag zur Genehmigungsentscheidung zugrunde lag.“

Diese Grafik der Dekra findet sich im Gutachten.
Die Nächte sind sehr, sehr schlimm
„Im Dezember 2024 wurden die Anlagen in Betrieb genommen“, erzählt Grossmann. „Es war ein unfassbarer Schock. Man konnte gar nicht glauben, was das tatsächlich für einen Geräuschpegel war.“ Der Tag hat sich vielen Einwohnern eingebrannt. Vier Tage vor Weihnachten gingen die Anlagen auf dem Höhenzug oberhalb des Tales ans Netz.
„Es gab nicht einen Moment, der so brutal und einschneidend war wie das Einschalten dieser Windkraftanlagen“, erinnert sich Jochen Hofele.
Adrienne Grossmann schlief seitdem nur noch mit Ohrstöpseln: „Für mich sind tatsächlich die Nächte sehr, sehr schlimm. Manchmal haben die Ohrstöpsel schlichtweg nicht mehr gereicht, obwohl alle Fenster und Türen zu waren und die Rollläden unten.“

Martin Fuss hat von seinem Balkon aus direkte Sicht auf beide Windkraftanlagen.
„Wir hatten Kinder, die nicht mehr durchschlafen konnten“
Die Belastung bleibt nicht auf die Nacht beschränkt. „Wenn wir starkes Windaufkommen haben, habe ich wirklich das Gefühl, ich kriege einen entgegengesetzten Herzschlag.“ Andere berichten von Schlafmangel, Erschöpfung und einem Alltag, der sich nur noch um die nächste ruhige Nacht dreht.
„Ich habe tatsächlich schon mehrfach Urlaub nehmen müssen, weil ich in der Nacht gar nicht schlafen konnte und am nächsten Tag meiner Arbeit nicht mehr nachgehen konnte“, sagt Grossmann.
Bei Familie Hofele wurden die Folgen besonders sichtbar. „Wir hatten Kinder, die nicht mehr durchschlafen konnten. Wir hatten zwei Schlafzimmer, ein Kinderzimmer und das Elternschlafzimmer, das wir räumen mussten.“ Schließlich zog Hofele selbst mit seiner Matratze in den Keller. „Ich persönlich habe mir meine Matratze geschnappt und bin in den Keller gegangen.“

Die Familie von Jochen Hofele lebt seit mehreren Generationen in Baiereck.
Noch schwerer als der Schlafmangel wiegt für ihn das Gefühl der Ohnmacht. „Das viel Schlimmere war aber: Du bist als Eltern völlig machtlos. Die Kinder sagen: ‚Vater, was ist los?‘ – und ich sage: ‚Leute, es tut mir leid, ich weiß nicht, wie man damit umgehen soll.‘“
Viele Anwohner fühlten sich mit ihren Beschwerden allein gelassen. „Beim Landratsamt war bis zum 7. Januar niemand erreichbar. Man hat sich komplett damit allein gelassen gefühlt“, erinnert sich Adrienne Grossmann. Lange standen diese Schilderungen gegen die Einschätzungen von Betreibern und Behörden. Die Beschwerden waren da. Der Nachweis fehlte. Die Anwohner führten selbst Messungen durch, doch die wurden von niemandem beachtet.
Langzeitmessungen direkt im Ort
Genau deshalb hat das nun durchgeführte DEKRA-Gutachten für so viel Aufsehen gesorgt. Die Sachverständigen führten Langzeitmessungen direkt im Ort durch. Das Ergebnis: Die Anlagen sind tonhaltig. Der Brummton ist messbar. Für die Betroffenen ist das eine kleine Sensation.
„Es war für uns natürlich eine große Erleichterung, dass das DEKRA-Gutachten im Prinzip das bestätigt hat, was wir durch eigene private Messungen ebenfalls belegt hatten“, sagt Martin Fuss. Er sieht darin einen Wendepunkt. „Diese Langzeit-Imissionsmessungen haben ganz klar belegt, dass die Anlagen tonhaltig sind und damit eigentlich gesetzeswidrig betrieben werden.“ Und weiter: „Damit haben wir jetzt auch etwas in der Hand, was belastbar ist und was auch rechtlich belastbar ist.“
Die Folgen kamen unmittelbar. Die Anlagen werden inzwischen nachts zwischen 22 Uhr und 6 Uhr abgeschaltet. Doch für viele Anwohner reicht das nicht aus. Denn die Abschaltung hat der Betreiber „freiwillig“ zugestanden. Und betont, man müsse das nicht tun.

Adrienne Grossmann lebt seit 15 Jahren in Baiereck.
Doch der Kampf ist noch lange nicht vorbei, denn die Nachtabschaltung hat den Anwohnern zwar etwas Ruhe zurückgegeben, doch die Situation ist fragil. Denn die Abschaltung beruht bislang nicht auf einer behördlich angeordneten Stilllegung, sondern auf einer freiwilligen Zusage des Betreibers – die jederzeit widerrufen werden kann.
Martin Fuss sagt: „Der Betreiber sagt, ich schalte freiwillig ab. Aber natürlich schwebt das Damoklesschwert nach wie vor über uns. Der Betreiber kann jederzeit wieder sagen: ‚Ich schalte die Anlagen wieder ein.‘ Was wir erwartet hätten, wäre, dass die Aufsichtsbehörde eine klare Aussage tätigt: Die Anlagen sind abzuschalten. Die Wiederinbetriebnahme wird so lange untersagt, bis die Anlagen gesetzeskonform laufen.“ Das Gutachten liegt vor, die Vorwürfe wurden bestätigt, aber die Anwohner haben noch keine rechtliche Sicherheit.
Jochen Hofele sagt trotzdem mit Stolz, dass ohne den Widerstand der Anwohner alles geblieben wäre wie bisher: „Wir hätten 20 Jahre Lärmterror vor uns.“
Nach Angaben von Martin Fuss bereiten mehrere Betroffene bereits rechtliche Schritte vor. Viele Anwohner hätten ihre Rechtsschutzversicherungen kontaktiert, um Ansprüche wegen der Lärmbelastung prüfen zu lassen. Mit dem DEKRA-Gutachten sehen sie erstmals eine belastbare Grundlage für ein mögliches juristisches Vorgehen.
Präzedenzfall für ganz Deutschland?
Der Fall Baiereck könnte weit über den kleinen Ort hinaus Bedeutung erlangen. Dr. Christoph Canne, Sprecher der Bundesinitiative Vernunftkraft e.V., spricht bereits von einem möglichen Präzedenzfall: „Das amtliche Messgutachten aus Baiereck liefert den belastbaren Beweis, dass theoretische Schallprognosen aus Genehmigungsverfahren komplexe topografische Effekte oft nur unzureichend abbilden. Da bundesweit unzählige Anwohner unter ähnlichen, teils tieffrequenten Lärmbelästigungen durch Windkraftanlagen leiden, müssen aus diesem Präzedenzfall nun zwingend bundesweite Konsequenzen gezogen werden. Um den gesetzlichen Anwohnerschutz künftig rechtssicher zu gewährleisten, fordern wir die Einführung eines verpflichtenden, kontinuierlichen Immissionsmonitorings für alle Anlagen in Deutschland. Nur durch dauerhafte, unabhängige Echtzeit-Messungen lassen sich tatsächliche Grenzwertüberschreitungen in der Praxis objektiv dokumentieren und behördlich abstellen.“

Dr. Christoph Canne
Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, wäre Baiereck weit mehr als ein lokaler Konflikt um zwei Windkraftanlagen. Dann könnte das DEKRA-Gutachten zu einem Musterfall werden – mit Folgen für Genehmigungsverfahren, Schallprognosen und die Überwachung von Windparks in ganz Deutschland.
Für Jochen Hofele ist genau das die Hoffnung. „Ich wünsche mir, dass das DEKRA-Gutachten vielen anderen hilft, die in einer ähnlichen Lage sind. In Baden-Württemberg haben wir viele Tallagen. Das ist kein flaches Land.“
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Janina Lionello
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