„Politische Bildung kann nicht neutral sein”: Niedersächsische Schulen verpflichten Schüler zu „Omas gegen Rechts”-Lesungen
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Mit Pflichtvortrag gegen Rechts: An zwei niedersächsischen Schulen sollen am kommenden Mittwoch Lesungen mit dem linken Aktivisten Jakob Springfeld stattfinden. Dort will der Nachwuchsautor aus seinem neuen Buch über „rechtsextreme Kräfte“ und „antidemokratische Kräfte“ im Osten berichten – organisiert von den „Omas gegen Rechts“. Die erste Veranstaltung steht bereits im Vorfeld in der Kritik: Bei NIUS melden sich zwei besorgte Mütter zum ersten Mal öffentlich zu Wort.
„Deutschland im Jahr 2024: Angriffe auf Geflüchtete nehmen wieder zu, die AfD plant massive Abschiebungen von Deutschen mit Migrationshintergrund, und Rechtsextreme sind in der gesellschaftlichen Mitte angekommen“, heißt es im Klappentext von Springfelds Buch mit dem Titel „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“. Nicht nur sei die AfD auf dem Vormarsch, „auch staatliche Behörden, die Bundeswehr sowie unser Justizsystem sind Teil des Problems“, findet der Autor. Strukturen, die unser demokratisches Zusammenleben stärken sollen, seien rechtsoffen oder man würde einfach wegschauen. Seine Kernbotschaft: „Jetzt müssen wir uns als Gesellschaft positionieren und klare Kante zeigen: Wir müssen für Demokratie und Menschenrechte kämpfen!“
„An der Lesung nehmen die Jahrgänge 9 und 10 geschlossen teil“, heißt es in einer Mitteilung, die seitens des Hannah-Arendt-Gymnasiums an die Schüler versandt wurde. Die Veranstaltung ist dabei nicht auf die Politikkurse beschränkt, sondern findet fächerübergreifend statt – moderiert von Schülern der Q2. Die Eltern wurden im Vorhinein nicht offiziell benachrichtigt.

Soll bald auch in einer niedersächsischen Schule über sein neuestes Buch sprechen: der linke Aktivist und Autor Jakob Springfeld.
Was erwartet die Schüler?
Der Gast Jakob Springfeld wurde unter anderem bekannt durch sein Buch „Unter Nazis. Jung, ostdeutsch, gegen Rechts“. Die erstarkende Rechte ist sein Steckenpferd, immer wieder geht es in seinen Lesungen auch um die AfD – und die angebliche Gefahr, die von ihr ausgeht.
„Zu politisch“ hieß es bereits vor zweieinhalb Jahren, als Springfeld an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig sprechen wollte. Die Hochschulleitung untersagte die damals vom Studentenrat organisierte Veranstaltung, nun soll er stattdessen nicht vor Studenten, sondern vor Schülern sprechen.

Die Mitteilung an die Schüler im Detail: Betroffen sind die Klassen Neun und Zehn.
Initiiert worden sei die Veranstaltung bereits vor einigen Monaten – durch die Barsinghäuser Omas gegen Rechts. Sie seien zum damaligen Zeitpunkt an die Schulleiterin Silvia Bethe herangetreten, nachdem sie den Autor bereits bei einer anderen Lesung am Ratsgymnasium in Stadthagen erlebt hätten. Gegenüber dem freien Journalisten Sven Niemeyer schreibt Schulleiterin Bethe: „Nachdem mir meine Stadthäger Schulleiterkollegin versichert hatte, dass es eine ausgesprochen lohnende Veranstaltung war, haben wir zugestimmt, für eine solche Lesung auch unsere Schule zu öffnen.“
„Politische Bildung kann nicht neutral sein“
Angesprochen auf das Neutralitätsgebot der Schule und die Frage, ob auch andere Perspektiven zu Wort kommen, antwortet die Schulleiterin nur: „Selbstverständlich ist es schon immer und immer noch das Ziel des Politikunterrichts, Schüler*innen zur eigenständigen und differenzierten Urteilsbildung zu befähigen.“ Ein Beitrag dazu sei auch die geplante Lesung mit Springfeld.

Immer da, wenn es gegen konservative Kräfte geht: die Omas gegen Rechts.
Aber, so teilt die Schulleiterin mit: „Politische Bildung in der Schule erfolgt immer mit klarer Parteinahme für die Grundsätze unserer Verfassung und kann insofern nicht ‚neutral‘ sein.“ Eine Gegenposition zu Springfelds Thesen wird am Mittwoch nicht zu hören sein, dafür aber verspricht die Schule: „Selbstverständlich wird die Lesung im Politikunterricht vor- und nachbereitet.“
Eine Mutter kritisiert: „Es kommt mir ein bisschen vor wie Propaganda“
In der Eltern- und Schülerschaft teilen nicht alle die Ansichten der Schulleiterin. Gegenüber NIUS äußern sich die Mütter zweier Kinder aus den betroffenen Jahrgängen. Weil sie Anfeindungen fürchten, sprechen sie anonym über die Veranstaltung.
Sehen Sie hier die Meinung der betroffenen Mutter:
Aus ihrer Sicht sollte die Veranstaltung am Mittwoch abgesagt werden. Sie finde es zwar „immer gut, dass an Schulen politische Diskussionen geführt werden, unabhängig ob sie nun Richtung Rechts, Richtung Mitte oder Richtung Links geführt werden“. Aber: „Es wird nur eine Seite gehört und vorgetragen“, findet die Mutter. Ihr fehle ein Dialog, ein echter Austausch von Argumenten. „Es kommt mir ein bisschen vor wie Propaganda“, findet sie, „es müssen immer beide Seiten gehört werden.“ Ihrem Kind stelle sie deshalb frei, ob es die Veranstaltung besuchen wolle.
Der Wunsch nach Aufarbeitung
Sollte die Veranstaltung stattfinden, wünscht sie sich auf jeden Fall gründliche Aufbereitung: „Es wäre halt einfach schön, wenn im Nachgang dann die Schulleitung oder der Lehrer mal Stellung bezieht und sagt, es ist nicht in unserem Sinne, die Kinder in irgendeine politische Richtung zu drängen.“
Eine andere Mutter, deren Kind die neunte Klasse besucht, lehnt die Lesung ebenfalls ab: „Für mich ist das Manipulation der Kinder!“ Die seien gerade in einem Alter, in dem sie selbst überlegen sollen, „wen sie später wählen werden“. Aber: „Sie werden ja da schon in eine Ecke gerückt, was sie später einmal wählen sollen“, so die Ansicht der Mutter. Wie sie berichtet, hätten sich noch weitere Eltern untereinander über die Veranstaltung ausgetauscht – und diese abgelehnt.
Trotz des wachsenden Unmutes: Für Springfeld ist es nicht die einzige Schullesung in Niedersachsen an diesem Tag. Im Vorfeld der Veranstaltung soll er bereits in der Aula des Matthias-Claudius-Gymnasiums in Gehrden sprechen. NIUS hat die dortige Schulleitung ebenfalls kontaktiert und gefragt, wie sie das Neutralitätsgebot der Schule mit der Lesung von Springfeld in Einklang bringen kann und wer überhaupt das Honorar für die Lesung übernimmt. Eine Antwort der Schulleitung steht bisher allerdings noch aus.
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