Die Badewanne stirbt aus, dabei brauchen wir sie dringender denn je
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Diese Zeilen sind leider ein Abgesang auf eine Institution, die die Älteren von uns noch groß und stark und glücklich gemacht hat – und die Jüngeren eher (fast) nur noch vom Hörensagen kennen. Die Rede ist von der guten alten Badewanne.
In älteren Häusern haben die Wohnungen zwar meist noch eine Wanne, in Neubauten gibt es aber meist nur noch Duschen mit Glaswand oder Pendeltüren. Sterile Nasszellen, von denen der frühere Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagte, dass er sie keine fünf Minuten pro Tag aufsuche. Habeck im Spiegel: „Ich hab’ noch nie in meinem Leben fünf Minuten lang geduscht. Ich dusche schnell.“
Habeck ging es hauptsächlich um den Verbrauch von Wasser – bloß keine Verschwendung. Und so ein wichtiger Minister hat natürlich auch keine Zeit für längeres Duschen. Und Baden kommt da überhaupt nicht in Frage. Dabei gibt es wohl keinen anderen Ort, der uns so guttut, so entspannen lässt, uns so verändert wie ein Vollbad. Du steigst als anderer Mensch aus der Wanne – anders, als du eingestiegen bist.
Die Muskeln werden weich, der Atem wird länger
Schon das Plätschern des Wassers in der weißen Wanne. Die Muskeln werden weich, der Atem länger, der Herzschlag langsamer. Wenn der Wasserspiegel hoch genug ist und man die Ohren unter Wasser steckt, kann man ihn hören – den eigenen Puls.
Wie konnte es dazu kommen, dass in immer weniger Wohnungen dieses einmalig schöne Gefühl des Badens möglich ist?
Die Architekten sagen, unsere Hygienevorstellungen hätten sich geändert. Das spiegle sich in den modernen Wohngrundrissen wider. Andreas Sonderegger ist Dozent an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Er baut seit 30 Jahren Wohnungen und sagt in der Neuen Zürcher Zeitung: „Die Badewanne ist passé.“ Denn sie sei umständlich und verbrauche mehr Wasser als die Dusche. Swiss Life, die größte private Immobilienbesitzerin der Schweiz, erklärt: „Zielgruppen wie Singles, Paare oder ältere Menschen bevorzugen Duschen gegenüber Badewannen.“
Geht das Abendland unter, weil es immer weniger Badewannen gibt und immer weniger Menschen, die sich dort nicht mehr hineinlegen können? Natürlich nicht. Ich persönlich habe in meiner Berliner Wohnung auch keine Badewanne mehr. Meine Nachbarn schon. Aber wer will schon nass und ungefragt in einer fremden Badewanne planschen? Manchmal sehne ich mich nach dem Gefühl, im warmen Wasser zu liegen und einfach nur zu liegen, wie Loriot gesagt hätte. Wer im Vollbad (ein idiotischer Fachbegriff, gibt es eigentlich ein „Halbbad“?) liegt, vergisst Zoom-Meetings, Handyspielchen, und Steuererklärungen.
Relikt aus schöner alter Zeit
Während der Pandemie, schreibt die NZZ, sah es kurz so aus, als erlebte die Badewanne eine ähnliche Renaissance wie das Sauerteigbrot, die Vinylschallplatten oder das Stricken. Gwyneth Paltrow schwärmte von ihrem Baderitual mit Tee oder Whisky – und davon, dass sie jeden Abend in der Wanne „den Tag abwasche“. Leider war das nur ein kurzes Aufblitzen von Nostalgie. Fachleute glauben: Die Badewanne wird das Schicksal des Bidets teilen – ein Relikt aus sehr alter schöner Badezimmer-Zeit.
Aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir: Baden ist wichtiger denn je. Denn einfacher kann man trübe Gedanken nicht vertreiben. Und günstiger auch nicht. Also, liebe Architekten: Gebt uns unsere schönen Badewannen wieder!
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