Von Baumringen und Hockeyschlägern – wie ein kanadischer Forscher das Fundament aller Klima-Politik erschütterte
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Die globale Klimapolitik basiert auf einer Temperaturgeschichte der vergangenen 1000 bis 2000 Jahre. Diese wiederum beruht größtenteils nicht auf direkten Messungen, sondern auf statistischen Rekonstruktionen aus sogenannten Proxydaten – insbesondere aus Baumringen. Schon früh gerieten diese Rekonstruktionen in die Kritik.
Interne E-Mails führender Autoren des Weltklimarats IPCC sowie statistische Kontroversen offenbarten methodische Probleme an den Fundamenten jener Berichte, die bis heute die Grundlage milliardenschwerer Klimapolitik bilden. NIUS rekonstruiert die nachweislichen Schwächen dieses Paradigmas anhand jener E-Mails sowie der Peer-reviewten Überprüfung seines frühesten prominenten Kritikers: des kanadischen Mathematikers und Bergbauspezialisten Stephen McIntyre.
Das Grundprinzip des Hockeyschlägers regiert die Wissenschaft bis heute. Gemeint ist eine Temperaturkurve, die über fast tausend Jahre nahezu waagerecht verläuft und erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts abrupt und steil ansteigt – wie ein Hockeyschläger mit langem Schaft und nach oben ragender Kelle. Auch neuere Rekonstruktionen und IPCC-nahe Studien produzieren dieselbe grafische Form. Sie gilt als der ultimative Beweis für einen durch die industrielle Revolution ausgelösten exorbitanten Klimawandel.

Das im Dritten Weltklimabericht von 2001 veröffentlichte „Hockeyschläger-Diagramm“ erhielt seinen Namen aufgrund der Ähnlichkeit seiner Kurve mit der Form eines Hockeyschlägers.
Wenn der Hockeyschläger stimmt, hat die Klimapolitik recht. Doch was, wenn er das nachweislich nicht tut? Sie hinge in der Luft.
Milliarden fürs Klima
Rund 390 Milliarden muss Deutschland nach Angaben der Bundesbank zwischen 2021 und 2030 jährlich investieren, um die Klimaziele zu erreichen. Da sind die mehr als 500 Milliarden Euro für die „Energiewende“, die Deutschland den teuersten Strom Europas und eine fortschreitende Deindustrialisierung beschert hat, nicht eingerechnet.
All das basiert letztlich auf einer historischen Behauptung: Die heutige Erderwärmung sei beispiellos und durch den CO2-Ausstoß des Menschen seit Beginn der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Plausibel wurde sie durch den Hockeyschläger, der zum ikonischen Bild der Klimamoderne wurde.
Vor der Jahrtausendwende war das noch anders. Im IPCC-Bericht von 1990 ist die mittelalterliche Wärmeperiode noch genauso enthalten wie die Kleine Eiszeit.

IPCC-Bericht „Climate Change“, 1990.
Man ging noch selbstverständlich von natürlichen Klimaschwankungen aus, orientiert an handfesten historischen Quellen, etwa aufgeschriebenen Chroniken und Gletscherständen. Aus diesen Quellen, die die klimatischen Entwicklungen nicht auf die Gradzahl genau zu bestimmen behaupten, aber die klimatischen Veränderungen in groben Zügen eben doch darzustellen vermögen, entstand die ältere IPCC-Darstellung.
Dann die Veröffentlichung einer Studie, die ein neues Paradigma einleitete: Michael E. Mann, Raymond S. Bradley und Malcolm K. Hughes veröffentlichen 1998 in Nature den Prototypen des Hockeyschlägers, für den sie die Temperaturen der Nordhalbkugel über etwa 600 Jahre anhand von Proxydaten rekonstruierten, nämlich vor allem von Baumringen, Eisbohrkernen und Korallen. 1999 erweitern sie die Darstellung auf 1000 Jahre. Hier entstand die ikonische Form: lange stabile Temperaturen, kleine Schwankungen, dann ab dem Industriezeitalter ein abrupter Anstieg. Die Botschaft, die bis heute die globale Klimapolitik trägt: tausend Jahre Stabilität, dann Industrialisierung, dann die Temperatur-Explosion.
I. Baumringe und andere Unzuverlässigkeiten
Wenige Jahre nach Erscheinen des IPCC-Berichts betritt ein kanadischer Mathematiker und Bergbauspezialist die Bühne. Stephen McIntyre stammt nicht aus der institutionalisierten Klimawissenschaft, sondern aus der Rohstoff- und Bergbauindustrie. Drei Jahrzehnte lang befasste er sich dort mit der statistischen Auswertung geologischer Daten. Er arbeitete also in einem Feld, in dem aus unvollständigen und „verrauschten“ Messdaten auf reale physische Phänomene geschlossen wird.
Ihm habe sofort eingeleuchtet, dass die „Proxy-Daten wie Bohrkerne betrachtet werden mussten“, schreibt er in seiner Kurzbiographie. „Die Erfahrung in der Branche der Rohstoffexploration lehrt einen schnell, wie wichtig Rohdaten und ihre sorgfältige Überprüfung sind; dass man sie geduldig auf Anomalien hin untersuchen muss – und wie entscheidend und mächtig hübsch präsentierte Grafiken sind.“
McIntyre drang tief in die Daten und statistischen Methoden der Hockeyschläger-Rekonstruktion ein – und kam dabei zu brisanten Ergebnissen, die Peer-reviewed (also durch unabhängige Wissenschaftler begutachtet) in einer Fachzeitschrift erschienen. Gemeinsam mit Ross McKitrick problematisierte er unter anderem einen „Standardisierungsschritt“, „den die Autoren zum Zeitpunkt ihrer Studie offenbar nicht einmal für wichtig genug hielten, um ihn offenzulegen“, obwohl er „die resultierenden Hauptkomponentenreihen erheblich beeinflusste“.
Der Effekt dieser statistischen Transformation sei so stark gewesen, dass selbst aus chaotischem „rotem Rauschen“ „nahezu immer eine hockeyschlägerförmige erste Hauptkomponente (PC1) erzeugt wird“. Mit anderen Worten: Die Kritiker argumentierten, dass die statistische Methode dazu tendiere, Hockeyschläger-Formen hervorzubringen. Und es waren vor allem die Baumringdaten, die zu Kontroversen führten. Die Annahme, aus ihnen Temperaturen ableiten zu können, beruht auf folgender Logik: Weil wärmere Perioden zu stärkerem Wachstum führen, sollen sich diese in breiteren Jahresringen niederschlagen; für kältere Perioden gilt das Gegenteil. Entsprechend erwartet man, Hitze- und Kältephasen anhand der Ausdehnung der Baumringe rekonstruieren zu können. Vor diesem Erwartungshintergrund werden jahrhundertealte Bäume beprobt und ihre Jahresringe akribisch vermessen.

Besonders wichtig für die ursprünglichen Hockeyschläger-Rekonstruktionen waren Baumringdaten der Grannen-Kiefer (Great Basin Bristlecone Pine).
Das Problem an der Sache besteht jedoch darin, dass das Wachstum von Bäumen nicht allein von der Temperatur abhängt. Einfluss haben unter anderem Niederschlagsmenge und Bodenfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Nährstoffversorgung oder die CO2-Konzentration der Atmosphäre. Darum wurde die Frage zentral, ob Baumringe tatsächlich ein stabiles und global belastbares Temperaturarchiv darstellen, wenn neben der Temperatur zahlreiche weitere Einflussgrößen in die Rekonstruktionen eingehen.
Die Modellierer behaupten allerdings, dass man sie präzise herausrechnen könne. Ihr Vertrauen in statistische Verfahren scheint dabei nahezu grenzenlos zu sein, während offenbar unbemerkt bleibt, dass man sich mit jedem zusätzlichen Verarbeitungsschritt auch weiter vom ursprünglichen physikalischen Phänomen entfernt.
Nicht alle Proxydaten gelten allerdings als gleichermaßen problematisch. Eisbohrkerne liefern vergleichsweise robuste Hinweise auf frühere Klimabedingungen. Die zentrale Kontroverse des Hockeyschlägers konzentrierte sich deshalb besonders auf Temperaturrekonstruktionen aus Baumringen. Darüber hinaus lassen sich aus eingeschlossenen Luftblasen in Eisbohrkernen frühere CO2-Konzentrationen der Atmosphäre vergleichsweise zuverlässig rekonstruieren.
II. Dieselben Daten, verschiedene Forscher, unterschiedliche Ergebnisse
2024 machte der kanadische Mathematiker Stephen McIntyre erneut auf eine methodische Brisanz aufmerksam. Wissenschaftler hatten Datensätze von neun prominenten Baumring-Standorten an 15 verschiedene Klimaforschungsgruppen verschickt und jede Gruppe gebeten, daraus eine Temperaturrekonstruktion der Nordhalbkugel zu erstellen.
Das Fazit der Studie lautete, das Ensemble habe „den Einfluss von Subjektivität im Rekonstruktionsprozess“ demonstriert: „Da sich die Ensemble-Mitglieder hinsichtlich Mittelwert, Varianz, Amplitude, Sensitivität und Persistenz unterscheiden, demonstriert das Ensemble den Einfluss von Subjektivität im Rekonstruktionsprozess.“
McIntyre bezeichnete das, „gelinde gesagt“, als Untertreibung. Das Experiment habe vielmehr gezeigt, „dass unterschiedliche Klimaforschergruppen aus identischen Daten dramatisch unterschiedliche Rekonstruktionen erzeugen konnten“. Damit sei „zusätzlich zu den bereits bekannten Problemen bei der Rekonstruktion vergangener Temperaturen aus Baumringdaten“ noch „eine weitere Unsicherheitsquelle sichtbar geworden, die bislang nicht ausreichend thematisiert wurde: die Inkonsistenz verschiedener Forschergruppen bei der Auswertung derselben Daten.“
Wie erheblich diese Unterschiede ausfallen konnten, zeigte McIntyre anhand einzelner Rekonstruktionen des Ensembles: „Die Rekonstruktionen R8 und R10 steigen um 1,2 beziehungsweise 1,6 Grad Celsius an, während die Rekonstruktionen R13, R12 und R2 unverändert bleiben oder sogar zurückgehen.“ Und so fragte er sich: „Wie ist eine derartige Inkonsistenz möglich?“

Alle dargestellten Rekonstruktionen beruhen auf denselben Rohdaten.
Die Endergebnisse hingen also immens von methodischen Entscheidungen ab. Unterschiedliche statistische Vorgehensweisen erzeugten aus identischen Datensätzen unterschiedliche Klimageschichten.
III. Die physische Gegenwelt
Dass die Temperaturgeschichte des Hockeyschlägers auf einer methodischen Verengung beruht, zeigt sich bereits an historischen Quellen und physischen Befunden, die in seiner Darstellung praktisch verschwinden.
Die Wikinger betrieben auf Grönland Landwirtschaft und Viehzucht, ohne dass Eis und Kälte sie daran hinderten. Demgegenüber verweisen Bergmarkierungen darauf, wie weit Gletscher während der Kleinen Eiszeit vorgedrungen waren. Zwischen 1901 und 1909 erschien das Werk Die Alpen im Eiszeitalter, das die frühere massive Vergletscherung der Alpen dokumentierte. „Die Gletscherforscher wissen, dass der Aletschgletscher vor 200 oder 300 Jahren deutlich umfangreicher war. Und um 1800 in den Alpen – da hatten die Dörfler in den Tälern Angst, dass die Gletscher vordringen und ihre Heimat verschlingen“, so der Physiker Gerd Ganteför. Er kritisiert die Hockeyschläger-Darstellung, weil sie suggeriere, „die Erde sei immer im Gleichgewicht gewesen – und nur der Mensch störe die Harmonie. Doch das ist sachlich falsch“.
Ganteför kommt gegenüber NIUS dabei zu einem Schluss, der der Kritik McIntyres bemerkenswert nahekommt: „Die Autoren dieser Studie haben sogenannte Proxydaten verwendet – also indirekte Temperaturhinweise wie Pollen oder Pflanzenreste – und sie gemittelt. Da diese Daten mit hohen Unsicherheiten behaftet sind, ergibt sich beim Mitteln zwangsläufig eine geglättete Kurve. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Schwankungen gab – es ist schlicht eine Folge der Methode.“
Die moderne Paläoklimatologie, die sich mit der Rekonstruktion vergangener Klimaverhältnisse beschäftigt, scheint dabei von der Vorstellung geleitet zu sein, mathematisch erzeugte Temperaturkurven seien historischen und physischen Quellen erkenntnismäßig überlegen. Dabei handelt es sich bei letzteren um unmittelbare Zeugnisse realer Klimageschichte, während sich über den Rekonstruktionen ein immer dichterer Schleier abstrakter Rechenoperationen legt.
IV. Climategate
Die statistischen und methodischen Kontroversen fanden nicht außerhalb, sondern im Inneren des IPCC selbst statt – öffentlich wurde das schließlich durch den Climategate-Skandal. Die geleakten E-Mails offenbarten interne Probleme der Rekonstruktionspraxis und machten einen Konflikt bekannt, der auch die Auseinandersetzung zwischen IPCC und externen Kritikern prägen sollte: den Gegensatz zwischen jenen, die im Zweifel die Botschaft priorisieren, und jenen, die auf den methodischen Unsicherheiten beharrten.
So schrieb der Klimaforscher Chris Folland 1999 in geleaktem E-Mail-Verkehr, eine auf Baumringdaten basierende Temperaturkurve „verwässert die Botschaft erheblich“. Hintergrund war, dass sie nicht zu den gemessenen steigenden Temperaturen des späten 20. Jahrhunderts passte. Gleichzeitig verwies Folland darauf, dass die Baumringdaten womöglich „immer noch unter einem Mangel an multihundertjähriger Varianz“ litten – also langfristige natürliche Klimaschwankungen methodisch unterschätzten. Wenn die Methode langfristige Schwankungen glättet, entsteht im Mittelwert zwangsläufig ein stabileres vorindustrielles Klima, als es historisch tatsächlich existierte.
Besonders bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Aussagen des britischen Klimaforschers Keith Briffa, der innerhalb des damaligen IPCC-Prozesses zu den zentralen Figuren gehörte. Briffa warnte ausdrücklich davor, eine „schöne, aufgeräumte Geschichte“ einer angeblich beispiellosen Erwärmung zu präsentieren, obwohl die Datenlage deutlich komplizierter sei. Viele Baumring-Proxys würden die moderne Erwärmung gerade nicht widerspiegeln; einige zeigten sogar unerwartete Entwicklungen, die nicht zum gewünschten Narrativ passten. „Ich halte es nicht für sinnvoll, dieses Thema in diesem Kapitel zu ignorieren“, lautete seine letztlich ungehörte Warnung.
Noch grundlegender war jedoch Briffas Einschätzung der historischen Klimadynamik selbst. Während Michael Manns Hockeyschläger-Rekonstruktion auf eine über Jahrhunderte relativ stabile Temperaturentwicklung hinauslief, erklärte Briffa, er glaube nicht, „dass die globalen Durchschnittstemperaturen über Tausende Jahre“ einfach kontinuierlich verliefen, wie Michael E. Mann annehme. Vielmehr sehe er „starke Hinweise auf größere Klimaveränderungen während des Holozäns“, die erklärt werden müssten.
V. Die Rekonstruktion der Vergangenheit aus dem Lichte der Gegenwart
Vor allem aber formulierte Briffa einen Satz, der in direktem Widerspruch zur dominierenden Hockeyschläger-Erzählung stand: „Ich glaube, dass die jüngste Wärmeperiode wahrscheinlich bereits vor etwa 1000 Jahren erreicht wurde.“
Briffa nahm damit nicht nur vorweg, was dann faktisch aus der öffentlichen Darstellung verschwand – nämlich die Möglichkeit, dass vorindustrielle Temperaturen heutigen Niveaus entsprochen haben könnten –, sondern sprach auch über die Gefahren jener statistischen Verfahren, die zum methodischen Grundbestand des Hockeyschlägers gehören sollten.
„Ich behaupte weiterhin, dass multiple Regressionen gegen die jüngste, sehr trendige globale Mitteltemperatur potenziell gefährlich sind.“
Worauf wollte er hier hinaus? Bei der multiplen Regressionsanalyse handelt es sich um ein statistisches Verfahren, mit dem untersucht wird, ob und in welchem Ausmaß ein Zusammenhang zwischen mehreren unabhängigen Variablen und einer abhängigen Variable besteht. Die Hockeyschläger-Modellierer untersuchen also, ob und inwiefern sich die abhängige Variable – die gemessene Temperaturreihe, also die instrumentell erfasste globale Temperatur des 19. und 20. Jahrhunderts – aus den zeitlich parallel verlaufenden Proxyreihen ableiten lässt.
Man nimmt also beispielsweise Baumringdaten und die gemessenen Temperaturen derselben Zeit und lässt die Statistik eine Beziehung zwischen beiden „lernen“. Briffa hielt dieses Verfahren deshalb für gefährlich, weil die gefundene Korrelation womöglich nicht die tatsächliche biologische Reaktion der Bäume auf Temperatur widerspiegelt, sondern andere Einflüsse statistisch mitabbildet. Schließlich gibt es viele mögliche Gründe, warum Bäume im 20. Jahrhundert stärker wachsen – von CO2-Düngung bis hin zu veränderten Umweltbedingungen.

Auch die Foxtail Pine (Pinus balfouriana), eine langlebige Hochgebirgskiefer aus Kalifornien, gehörte zu den Baumarten, deren Jahresringe in Hockeyschläger-Rekonstruktionen verwendet wurden.
Die gefundene Beziehung wird anschließend rückwärts in die Vergangenheit projiziert – auf jene Daten also, denen keine gemessenen Temperaturreihen gegenüberstehen, weil im vorindustriellen Zeitalter noch keine systematischen Temperaturmessungen stattfanden. Auf diese Weise ordnet man den Baumringdaten nachträglich entsprechende Temperaturwerte zu. Lässt man die so erzeugte Rekonstruktion wiederum in die Gegenwart laufen, müsste sie eigentlich mit den real gemessenen Temperaturdaten übereinstimmen.
Doch genau das war bei Briffa gerade nicht der Fall: Seine Proxy-Temperaturreihe mündete im 20. Jahrhundert schließlich in einen Temperatur-Rückgang („decline“), der nicht zur beobachteten Erderwärmung passte. Während die Thermometer-Messdaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich anstiegen, fielen Briffas Baumring-Proxys seit den 1960er Jahren.
Die Datenreihen divergierten. Es ist jenes Divergenzproblem, das später im Zentrum des Climategate-Skandals stehen sollte. Um die problematische Abweichung in den berühmten Temperaturgrafiken visuell zu überdecken, kam schließlich der berüchtigte „Nature-Trick“ zum Einsatz. In einer E-Mail schrieb der damalige Climatic Research Unit (CRU)-Direktor Phil Jones: „Ich habe gerade Mikes Nature-Trick genutzt, indem ich die tatsächlichen Temperaturen bei jeder Serie der letzten 20 Jahre (also ab 1981) und bei Keiths Daten ab 1961 hinzugefügt habe, um den Rückgang zu verbergen.“
Dabei wurden die problematischen Proxy-Daten der jüngsten Jahrzehnte in den Grafiken ausgeblendet und durch tatsächlich gemessene Temperaturdaten anderer Forscher ersetzt, damit die Kurve weiterhin den Eindruck einer ungebrochenen Erwärmung vermittelte. Auch der Abschlussbericht einer Untersuchungskommission kritisierte diese Vorgehensweise schließlich als „irreführend“.
Was damals wie ein schockierender Ausnahmefall wirkte, erscheint vor dem Hintergrund der gesamten Methodik jedoch weniger überraschend. Rekonstruierte und gemessene Temperaturen wurden ohnehin fortlaufend aufeinander bezogen und statistisch miteinander vermittelt. Der „Nature-Trick“ erscheint damit weniger als Ausnahmefall denn als Zuspitzung einer bereits etablierten methodischen Praxis. Wo die Daten nicht von selbst zusammenpassten – und das tun sie im anfänglichen Rohdaten-Chaos nie –, mussten sie methodisch kompatibel gemacht werden. Die Beteiligten dürften gerade deshalb kaum ein ausgeprägtes Problembewusstsein entwickelt haben.
Keith Briffa nahm das Ergebnis dieser Operationen zur Nivellierung der Widersprüche in derselben E-Mail bereits vorweg: „Ich weiß, dass der Druck besteht, eine schöne, aufgeräumte Geschichte zu präsentieren und sich auf eine ‚scheinbar beispiellose Erwärmung in tausend Jahren oder mehr in den Proxy-Daten‘ zu beziehen, aber ganz so einfach ist die Situation in Wirklichkeit nicht.“
VI. Der Bruch in der schönen, aufgeräumten Geschichte
Im Grundsatz hat sich bei der Präsentation der Geschichte des Weltklimas seitdem wenig verändert. Das Diagramm des aktuellen IPCC-Berichts sieht noch immer aus wie ein Hockeyschläger. Verändert hat sich vor allem, dass die Darstellung inzwischen 2000 Jahre zurückreicht und die Datenreihen methodisch deutlicher voneinander abgegrenzt werden.

Der Hockeyschläger im aktuellen, sechsten IPCC-Bericht.
Links werden die rekonstruierten, rechts die beobachteten Temperaturen dargestellt. Das rechte Diagramm präsentiert zusätzlich einen zeitlich hineingezoomten Ausschnitt von 1850 bis 2020. Auffällig dabei: Der industriell bedingte Temperaturanstieg (braune Kurve) beginnt exakt dort, wo die rekonstruierte in die gemessene Datenreihe übergeht. Der Übergang vom vorindustriellen ins industrielle Zeitalter fällt also exakt mit dem Methodenwechsel zusammen. Es ist der Übergang vom indirekten Ableiten zu hochauflösender Messung. Am neuralgischen Punkt dieses Übergangs erhält der Schaft seine Kelle.
Ein weiterer Graph (siehe grüne Kurve unten) soll zudem simulieren, wie sich die Temperaturen ohne Industrialisierung, also ohne menschlichen Einfluss, entwickelt hätten. Diese Simulation geht von einer Nicht-Erwärmung der Erde aus und steht damit der beobachteten Erderwärmung gegenüber.
VII. Die Selbstbespiegelung der Methode
Vor diesem Hintergrund fügen sich die entscheidenden kritischen Beobachtungen zu einem erstaunlich geschlossenen Muster zusammen. McIntyre hatte gezeigt, dass selbst willkürliches „rotes Rauschen“ Hockeyschläger-Formen hervorbringen kann – und daraus geschlussfolgert, dass die statistischen Verfahren die Daten derart überformen, dass genau diese Form entsteht. Dazu passen jene 15 Forschergruppen, die aus identischen Datensätzen unterschiedliche Klimageschichten rekonstruierten. Obwohl der entsprechende „subjektive Faktor“ die Rekonstruktionen also beeinflusst, laufen sie in letzter Konsequenz immer wieder auf dieselbe Grundform hinaus.
In der Mittelung verschwinden die natürlichen Schwankungen; rekonstruktiv entsteht daraus jene geglättete Gerade, die beim Methodenwechsel plötzlich in die Höhe schießt.
Als hätte Briffa diese Dynamik geahnt, erklärte er seinen Kollegen, dass die „einzig richtige“ Rekonstruktion ohnehin nicht existiere und divergierende Reihen deshalb erwartbar seien. Dass seine eigene Reihe wiederum derart stark abwich – also der modernen Erwärmung gerade nicht folgte –, brachte seinen Kollegen Chris Folland zu dem Urteil, sie „verwässerte die Botschaft“. Man beachte: 1999 – zwei Jahre vor Erscheinen des IPCC-Berichts – war bereits klar, welche Botschaft man übermitteln wolle.
VIII. Die Hybris des IPCC
Dieser Wille zur Botschaft, diese Voreingenommenheit setzten sich schließlich durch. So ließ sich der Weltklimarat von Kritik letztlich nicht beirren. Mehr noch: Die heutige Hockeyschläger-Modellierung beansprucht sogar, noch deutlich mehr erkannt zu haben als die ursprüngliche Blaupause um die Jahrtausendwende. Der IPCC ist nicht etwa vorsichtiger geworden, nachdem all die Unsicherheiten sichtbar wurden, die seine Verfahren bis ins Innerste erschütterten, sondern apodiktischer.
Mit maximaler Gewissheit verkündet er: „Der menschliche Einfluss hat das Klima in einem Maße erwärmt, wie es seit mindestens 2000 Jahren nicht der Fall gewesen ist.“ Zum Beweis präsentiert er das ultimative Diagramm, in dem sich seine Dogmatik nahezu lehrbuchhaft entfaltet: zuerst die Rekonstruktion. Dann die Messung. Dann die Simulation.
Es ist der Glaube an eine schier grenzenlose Erkenntnisreichweite: Aus Proxydaten, Kalibrierungen, Mittelungen und statistischen Modellen gewinnt der Weltklimarat absolute Aussagen über die Geschichte des Weltklimas – und leitet daraus wiederum eine globale Notstandsrhetorik ab, die Billionenausgaben, Deindustrialisierung und schwerste Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft legitimieren soll.
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Felix Perrefort
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