Péter Magyar ist nicht der Untergang Ungarns – und das Post-Orbán-Ungarn ist nicht verloren
Ein Beitrag von
Die Art und Weise, wie Linke und Zentristen in Europa die Niederlage Viktor Orbáns regelrecht feiern – obwohl er sich nach 16 Jahren an der Spitze des Landes mit einer geradezu klassischen Geste geschlagen gab und seinem Herausforderer Péter Magyar gratulierte –, zeugt von einer Niedertracht, die man sonst nur aus Wahlkämpfen kennt, in denen der Gegner nicht als politischer Kontrahent, sondern als existenzielle Bedrohung gilt. „Schmerzhaft, aber eindeutig“, nannte Orbán seine Niederlage in der Nacht zum Montag, und selbst das klang noch nach der Würde eines Mannes, der weiß, dass Geschichte in Zyklen verläuft.
Von rechten Kommentatoren wird diese Niederlage hingegen mit großer Bitterkeit und einem Schuss Fatalismus aufgenommen. Kein Wunder: Eine ganze Epoche geht zu Ende. Orbán galt als Pionier des illiberalen Konservatismus, als der Mann, der 2010 mit dem Slogan „Wir werden nicht mehr sein, was wir waren“ eine Gegenbewegung zur liberalen Hegemonie Europas startete.
Für schwarze Pillen allerdings habe ich keinen Nerv – und halte beide Deutungen für verfehlt. Orbáns Wahlniederlage hat nachvollziehbare Gründe, die man nicht wegdiskutieren sollte. Viele Wähler gewannen den Eindruck, Fidesz habe ein Establishment und eine Art Kleptokratie errichtet; bei den Direktmandaten konnte Tisza nach Hochrechnungen rund 94 von 106 Sitzen erobern, darunter zahlreiche in der tiefen Provinz – ein geradezu verheerendes Signal. Es fehlte an überzeugenden wirtschaftlichen Konzepten, insbesondere angesichts des Ausbleibens der eingefrorenen EU-Gelder in Höhe von rund 18 Milliarden Euro, die für Länder wie Ungarn (oder einst Polen) strukturell wegweisend sind. Und die außenpolitische Orientierung wurde von vielen nicht als souverän-multipolar, sondern als allzu Putin- und Trump-hörig wahrgenommen. Diese Erkenntnisse sollte die Rechte mitnehmen, statt sie als bloße Brüsseler Propaganda abzutun.

Feiert seinen Sieg – und vermutlich eine Zweidrittelmehrheit im Parlament: Péter Magyar.
Gleichwohl wäre es ein Fehler, Péter Magyar nun als linke EU-Marionette abzukanzeln. Seine Positionen zur Ukraine und zur Migration dürften schon bald auf deutlichen Widerspruch stoßen – nicht zuletzt aus den eigenen Reihen. Bis 2024 war Magyar selbst Fidesz-Mitglied und im Wahlkampf positionierte er sich in vielen Fragen entweder gemäßigt konservativ oder pragmatisch. Das Tisza-Wahlprogramm hält ausdrücklich an der restriktiven Migrationspolitik fest: Grenzzaun behalten, EU-Migrationspakt ablehnen, keine Relocation-Quoten, „Null Toleranz“ gegenüber illegaler Einwanderung. Magyar selbst nannte die Orbán-Regierung in der Vergangenheit „unfähig“, Migration zu beherrschen – und fordert keine Liberalisierung, sondern bessere Durchsetzung. Es ist auch kein Zufall, dass Magyar im Wahlkampf jeglichen Standpunkt zu Kulturkampf-Themen oder einer offenen Migrationspolitik vermied, denn das hätte ihn unmittelbar Wählerstimmen gekostet. Ob diese Versprechen dem Realitätscheck standhalten? Man wird sehen. Vieles spricht aber dafür, dass Metapolitik Magyar maßregeln wird.
Ein Erbe, das bleiben wird
Auch ist Orbáns Erbe durch eine einzelne Wahlniederlage keineswegs zerstört. Vielmehr haben er und Fidesz eine nachhaltige Infrastruktur geschaffen, die konservative, migrationskritische, identitäre und zeitgeistkritische Ansätze vereint und eine neue Generation heranzieht. Budapest ist längst zur geistigen Heimat zahlreicher rechter Intellektueller geworden: Das Mathias Corvinus Collegium (MCC), mit staatlichen Zuwendungen von über 1,7 Milliarden US-Dollar ausgestattet, fungiert als Kaderschmiede für nationale Konservative; das Danube Institute und verwandte Thinktanks organisieren Konferenzen, an denen Figuren wie Rod Dreher oder Christopher Rufo teilnehmen; die Stadt selbst hat westeuropäische Metropolen in vielerlei Hinsicht überholt – bei der Sauberkeit der Straßen, der Sicherheit, der Denkmalpflege, der Digitalisierung. Es existiert ein breites Vorfeld aus Kulturschaffenden, Medienmachern und Wissenschaftlern, das unter Orbáns Ägide herangewachsen ist und nun unabhängig von der Regierungsmacht weiterwirken kann.

Nach der Niederlage ist vor der Neuordnung: Orbán bei der Abschlusskundgebung.
Kurz gesagt: Es gibt ein Leben nach Orbán. Tiszas Zweidrittelmehrheit (nach aktuellen Hochrechnungen rund 138 von 199 Mandaten) bedeutet weder eine Übernahme durch Brüssel noch das Ende der rechtskonservativen Hochburg in Budapest. Die Medien überschreiben das Ergebnis gern als „Ende einer Ära“ oder „Schlag gegen Rechtsaußen“, doch wer genau hinsieht, erkennt die Kontinuität: Tisza will EU-Gelder freischalten und den Euro bis 2030 einführen, bleibt aber bei der harten Linie in der Migrations- und Familienpolitik.
Anders gesagt: Das Leben geht weiter, auch im Post-Orbán-Ungarn. Nach dem Spiel, um eine abgedroschene Fußballmetapher zu zitieren, ist vor dem Spiel.
Mehr NIUS:
Mord an 17-Jährigem: Er könnte dein Sohn sein
Mehr Rente ab 2047 – ich freue mich schon
Tom Kaulitz findet AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt „total schade und besorgniserregend”: Liebe Millionäre aus Los Angeles, bitte verschont uns mit Wahlempfehlungen!
Ode an die Linde: Wie ihr Duft eine Stadt verändert
Die Heidi-Heuchelei der CDU: Mit der AfD nicht, aber mit der Linkspartei schon
Jan Josef Liefers als Versöhner: Macht diesen Mann zum Bundespräsidenten!
Die neue Esskultur der Deutschen Bahn: Currywurst ohne Pommes, kein Speiseeis
Die Linke beweist auf ihrem Parteitag: Die SED ist nie untergegangen
Mehr NIUS:
Ode an die Linde: Wie ihr Duft eine Stadt verändert
Die Heidi-Heuchelei der CDU: Mit der AfD nicht, aber mit der Linkspartei schon
Jan Josef Liefers als Versöhner: Macht diesen Mann zum Bundespräsidenten!
Die neue Esskultur der Deutschen Bahn: Currywurst ohne Pommes, kein Speiseeis
Die Linke beweist auf ihrem Parteitag: Die SED ist nie untergegangen
Gelddruck-Maschine für die FIFA: Hört auf, von Trinkpausen zu sprechen!
Peinliche Polit-Propaganda – für wie bescheuert halten die uns eigentlich?!
Berliner Kino gedenkt der „Deutschen Schuld” mit „Gratis: Pelmeni und Vodka”
Jan A. Karon
Artikel teilen
Kommentare