Kein „Stimmungsproblem“ – die Krise der deutschen Unternehmen ist real
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Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) nennen es ein „Stimmungsproblem“. Die Realität sieht aber so aus: Rekordwerte bei Insolvenzen, existenzielle Angst im Einzelhandel, kein Ende in Sicht. Deutschland erlebt die schlimmste Unternehmenskrise seit zwei Jahrzehnten. Merz war angetreten, das zu verhindern. Statt hier endlich zu liefern, markieren die Statistiken immer neue Tiefpunkte.
Das gab es seit mehr als 20 Jahren nicht mehr: Im April 2026 meldeten 1.776 Personen- und Kapitalgesellschaften in Deutschland Insolvenz an – so viele wie zuletzt im Juni 2005. Das meldet das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Gegenüber dem Vormonat März bedeutet das ein Plus von drei Prozent, gegenüber dem April des Vorjahres sind es sogar zehn Prozent mehr. Besonders ernüchternd ist der Vergleich mit der Vor-Corona-Zeit: Im Schnitt der Aprilmonate zwischen 2016 und 2019 lag die Zahl der Firmenpleiten noch um satte 82 Prozent niedriger als jetzt. Und auch die Zahl der von Insolvenzen betroffenen Beschäftigten stieg im Vergleich zum Vorpandemie-Niveau auf mehr als das Doppelte.
Diese Zahlen machen klar: Merz liefert nicht, was er versprochen hat. Von Wirtschaftswende keine Spur. Im Gegenteil: So schlimm war es noch nicht mal unter der Ampel-Regierung von Kanzler Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Was damals zu Recht als Debakel und Verfall der deutschen Wirtschaft betitelt wurde, scheint jetzt unter Merz und Klingbeil schon fast wie eine rosarote gute alte Zeit. Das sagt eigentlich schon alles. Und es zeigt: Wir haben in Deutschland kein Stimmungstief oder ein Einstellungsproblem, wie es der Kanzler und sein Mit-Kanzler und Finanzminister uns immer weismachen wollen. Die harten Zahlen und Fakten zeigen schonungslos auf, wie mies es den deutschen Unternehmen geht. Doch anstatt jetzt endlich die Schalter in der Wirtschaftspolitik umzulegen, begnügt sich die Regierung mit Selbstbespiegelung im Koalitionsausschuss – ohne konkrete Ergebnisse.

So schlimm wie jetzt war es noch nicht mal unter der Ampel-Regierung von Kanzler Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne).
Union und SPD haben die Krise geschaffen – und sollen sie jetzt lösen?
Die aktuelle Pleitewelle hat eine Geschichte. Kanzler Merz kennt sie, hat sie im Wahlkampf immer wieder erzählt und eine Trendwende versprochen. Seine Partei, die CDU, hat seinerzeit den Beginn der Katastrophe mit Klimazielen, Ausstieg aus der Kernkraft und ihrer Corona-Politik eingeleitet. Klingbeil kennt sie auch, denn er und seine SPD gehörten über die gesamte Zeit zur Regierung und stellten sogar den Kanzler. Insofern ist es gar nicht so verwunderlich, dass die Parteien und Personen, die den Schaden angerichtet haben, nicht in der Lage sind, wirklich etwas zu ändern. Aber das allein ist es ja eben nicht.
Es geht immer weiter abwärts. Während der Corona-Pandemie hielten staatliche Hilfsprogramme und die zeitweise Aussetzung der Insolvenzantragspflicht ab März 2020 die Zahlen künstlich niedrig. Mit gravierenden Folgen für die Jahre danach. 2021 wurden deutschlandweit nur 13.993 Unternehmensinsolvenzen gezählt, ein historischer Tiefstand. Als die Stützmaßnahmen ausliefen, folgte der Einbruch: 2023 schnellten die Fallzahlen um 22,1 Prozent nach oben, 2024 nochmals um 22,4 Prozent auf 21.812. Seitdem läuft der Zähler unaufhörlich weiter. Was zunächst als Nachholeffekt nach dem Corona-Moratorium galt, entpuppte sich zunehmend als strukturelle Dauerkrise, befeuert von hohen Energiepreisen, steigenden Zinsen und einer anhaltenden Investitionsschwäche. Das „Sondervermögen“ sollte hier Abhilfe schaffen. Doch wie wir jetzt wissen, wurde der größte Teil „zweckentfremdet“ und fließt gar nicht in Investitionen, sondern in Klingbeils Haushaltslöcher und die kaputten Sozialsysteme.

Kanzler Merz hat im Wahlkampf eine Trendwende versprochen.
Die Branchenstatistik zeichnet ein lückenloses Bild der Verwundbarkeit. Im verarbeitenden Gewerbe kletterten die Insolvenzen von 982 Fällen im Jahr 2021 auf 1.928 im Jahr 2025. Das ist fast eine Verdopplung. Maschinenbau und Automobilzulieferer tragen dabei die Hauptlast. Im Handel stieg die Zahl von 2.122 auf 3.823 Fälle. Im Dienstleistungsbereich sieht das Bild nicht anders aus. Selbst die digitale Wirtschaft blieb nicht verschont: Im Bereich Information und Kommunikation verdoppelten sich die Insolvenzen von 460 auf 924 Fälle. Spitzenreiter bei der Insolvenzquote ist das Transport- und Lagereigewerbe mit 13,2 je 1.000 Unternehmen, dicht gefolgt vom Bau- und Gastgewerbe. Laut dem Institut für Mittelstandsforschung Bonn entfielen 30 Prozent der von Insolvenzen betroffenen Beschäftigten im Jahr 2025 allein auf das verarbeitende Gewerbe, ein Beleg dafür, dass die Krise längst in der Breite der deutschen Industrie angekommen ist. Bilanz für 2025: Gut 24.000 Unternehmensinsolvenzen wurden in Deutschland gezählt, der höchste Stand seit 2014. Ein Plus von 8,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Es erwischt zunehmend auch große Marken und Unternehmen
Experten sind sich einig: Was Deutschland und Europa gerade erleben, ist mehr als ein zyklischer Abschwung, es ist eine strukturelle Krise. Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken setzen Europas Unternehmen zu. Gleichzeitig lähmen hohe Energiepreise und ausufernde Bürokratie die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, vor allem im Vergleich mit den USA und China. Erholung? Fehlanzeige. Laut aktueller Ifo-Umfrage vom April 2026 sieht inzwischen jedes zwölfte Unternehmen in Deutschland (rund 8,1 Prozent) seine wirtschaftliche Existenz bedroht. Im Gastgewerbe liegt dieser Wert bei nahezu 20 Prozent. Für den Einzelhandel meldet das Ifo-Institut einen neuen Höchststand: 17,4 Prozent der befragten Händler schätzen ihre Lage als existenzbedrohend ein. Auch der Handelsverband HDE zeichnet ein düsteres Bild: Erstmals dürfte die Zahl der Geschäfte in Deutschland in diesem Jahr unter 300.000 sinken. Ende 2015 waren es noch rund 372.000 Läden. Jahr für Jahr schließen deutlich mehr Geschäfte, als neue eröffnen.
Die Insolvenzwelle macht auch vor bekannten Namen nicht halt. Jüngstes Beispiel: die Mäc Geiz Handelsgesellschaft mbH. Der Non-Food-Discounter aus Landsberg in Sachsen-Anhalt hat in dieser Woche beim Amtsgericht Halle (Saale) Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Rund 1.200 Mitarbeiter und gut 180 Filialen, vorwiegend in Ostdeutschland, sind betroffen. Der Geschäftsbetrieb soll vorerst weiterlaufen, Schließungen sind jedoch möglich. Das Unternehmen nennt als Gründe die anhaltende Konsumzurückhaltung, wirtschaftliche Unsicherheiten sowie den wachsenden Online-Handel – dieselbe Formel, mit der zuletzt schon viele andere Einzelhändler ihren Gang zum Insolvenzrichter begründeten.

Mäc Geiz ist insolvent.
Bemerkenswert: Mäc Geiz hatte erst kürzlich den ebenfalls insolventen Discounter Kodi übernommen. Auch der polnische Discounter Pepco und der Dekohändler Depot machten 2025 insolvenzbedingt jeweils einen Großteil ihrer Filialen dicht. Die Unternehmensgruppe Brüder Schlau, zu der die Fachmarktkette Hammer gehört, stellte im Juni 2025 einen Insolvenzantrag und Anfang 2026 erneut. Die Warenhauskette Galeria traf es ebenfalls. Der Discounter Kik kündigte die Schließung hunderter Filialen an. Laut Kreditversicherer Allianz Trade wurden im vergangenen Jahr allein im Einzelhandel 2.571 Insolvenzen verzeichnet. Das ist der höchste Stand seit zehn Jahren.
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Andreas Moring
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